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28/12/2011 / Raika

Anderthalb Stunden

Anderthalb Stunden. Was macht man, wenn man genau 90 Minuten hat? Wenn man nicht mehr und nicht weniger Zeit, um die Stadt vielleicht wieder so zu sehen, wie man sie verlassen hatte. Mit den vielen Erinnerungen, die mich so abhängig von den Orten, den Menschen und immer wieder den Gefühlen, Erlebnissen ist, dass ich sie mir oft ins Gedächtnis rufen muss. Weil ich es genieße sie immer und immer wieder durchzuspielen. Wenn Welt gerade versucht mich zu verschlingen, ich das aber gar nicht will.

Gehe ich an einen bestimmten Ort, der am häufigsten eine Rolle in meiner Erinnerung spielt. Habe ich überhaupt einen solchen Ort in dieser Stadt? Gehe ich eine Stecke ab, die die meisten Lokale hergibt, die komische Geschichten hervorbrachten? Treffe ich eine Freundin kurz, um “Hallo,” zu sagen und “Ich bin wieder hier.” Oder setze ich mich in ein Kaffee auf einer viel Besuchten Straße und beobachte die Menschen draußen?

Ich steige aus der S-Bahn aus. Ich laufe das Stück bis zur nächsten Station. Die Welt ist verregnet, der Glitzer wie weggespült. Es ist ein Dienstag morgen. Was soll mich hier schon erwarten -die Leute gehen ihrer Routine nach. Alltag und Trostlosigkeit. Ich sehe zwei Touristen, die mit einer Kamera Kreuzberg ablaufen, sie schießen viele Fotos. Dass ich alles viel zu sehr romantisiere fällt mir in diesem Augenblick auf. Schlimmer noch als diese beiden. Dabei kenne ich diese Stadt doch.  Ich kenne nicht den Alltag. Aber Geschichten und die Ort, wo Geschichten entstehen und ich kann erahnen, welche die nächsten Ort sein werden, wo diese Geschichten entstehen. Leider sehe ich auch, wie andere Orte verkommen. Genauso, wie die Menschen sich verhalten, wie sie sich einbilden, was sie sich einbilden, was sie vielleicht wirklich sind und was davon nicht vorgespielt ist.

Ich mache zwei Fotos. Doch eigentlich habe ich schon längst ein anderes, welches alles ausdrückt, was die Stadt für viele bedeutet. Drei weitere, um mich der ständigen Kreativität zu erinnern. Weg war ich nur für Monate, es waren keine Jahre. Ich steige wieder in die Bahn, verbringe die restliche Dreiviertelstunde im Hauptbahnhof mache die wichtigsten Einkäufe. Gerade weil ich die Zeit habe. Ich erlebe nichts merkwürdiges, nichts verrücktes, nichts abgefucktes. Es ist eine normale Stadt an einem normalen Arbeitstag. Der Zauber ist zurück in den Schrank unterm Fernseher geräumt und wird in zwei Tagen wieder rausgeholt. Wenn es Abend ist, wenn es fast schon wieder Wochenende ist.

War ich denn wirklich weg? Nein, nicht wirklich. Habe ich wirklich etwas verpasst? Nein, nicht wirklich. Kann ich einfach so dort weiter machen, wo ich aufgehört habe? Nein, auch das nicht. Es hat sich geändert und es muss sich noch weiter ändern. Ich habe mich verändert, auch wenn ich nicht wirklich weg war. Auch wenn es keine lange Zeit war. Auch wenn ich kaum merkwürdige, verrückte oder verstrahlte Geschichten erzählen kann.

Ich bleibe nicht lange. Ich werde nicht mehr so häufig da sein. Ich finde es eine richtige Entscheidung. Noch will ich das so. Vielleicht wird sich das wieder ändern. Vielleicht bin ich schneller zurück als ich jetzt noch denke. Oder es wird bei anderthalb Stunden bleiben.

Wie geht es weiter? Ich werde dran arbeiten. Es wird besser werden. Alles fließt.

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