Skip to content
19/08/2011 / Raika

Und jetzt die Wahrheit

Das Camp war der absolute Horror für mich.

Sieben Tage lang auf einem entlegenen sowjetischen Flughafen mit Menschen, die ich gar nicht kannte. Mit Menschen, die mir nicht vertraut waren. Niemand den ich länger kannte. Mit Menschen, die meine Kollegen sind, die das Verhalten einer „Familie“ an den Tag legen und ich weiß, dass ich es in der kurzen Zeit so oder so nie geschafft hätte, ein Teil dieser Familie zu werden. Ich war vielleicht eine entfernte Cousine, die auf Besuch kam. Diesen Menschen 24 Stunden, ohne die Möglichkeit sich mal wirklich zurückzuziehen, ausgeliefert zu sein, bedeutete für mich Stress, der kaum auszuhalten war. Und trotzdem musste ich das Gesicht wahren -für die Menschen, die von unserem Shop etwas kaufen wollten. Ich musste freundlich und aufgeschlossen sein. Ich musste auf sie zugehen. Ich musste sie ansprechen. Ich musste ihnen auf ihre Fragen hin eine Auskunft geben. Ich musste unter Umständen dies alles auf englisch tun.

Ich musste mit den Menschen sprechen. Die Leute aus unserem sogenannten „Village“ stellten mir Fragen zu meiner Person. Letztendlich musste ich antworten. Einfach nichts sagen, das hätte keiner verstanden. Es gab wieder diese Diskussionen. Wisst ihr, es ist nicht so, dass ich keine Meinung habe. Oft habe ich mir doch schon über die Themen Gedanken gemacht. Aber ich kann sie nie besonders schnell in Worte fassen. Ich brauche Zeit um zu formulieren, wie ich mich fühle, was ich denke. Ich brauche erhebliche Zeit um zu beschreiben, was bei einem Vortrag diskutiert wurde, welche Argumente mich am meisten beeindruckt haben -in welchen Punkten ich nicht zu stimme und was meine Sicht auf das Thema ist. Es gehen sehr schwere Prozesse in meinem Kopf und immer ist da etwas, das verhindern will, dass ich es ausspreche. Es nimmt mir die Wörter, es nimmt mir die Sprache und lässt mich stehen mit meinen Gedanken. Dann sprechen mich Leute an, fragen womöglich nach meiner Meinung -und ich kann es nicht sagen. Auch dann nicht, wenn ich mir 10 Minuten davor meine Sätze zurechtgelegt hatte. Der ganze Prozess geht von vorne los.

Die Leute rücken näher, es gibt Abendessen. Ich verstehe die Welt nicht mehr, meine Schultern spannen sich an, sie verkrampfen und es breitet sich über meinen ganzen Rücken aus. Ich sage nichts und kann auf nichts mehr antworten, sehe den Fragenden nur noch mit leeren Augen an, bis mir eine gegenstandslose und möglichst kurze Antwort einfällt. Gehe nach dem Essen direkt zum Zelt -ohne hektisch zu wirken, aber doch so schnell wie möglich- und komme den Rest des Abends nicht mehr heraus. Erst am nächsten morgen ist es wieder gut und vielleicht hält es den ganzen Tag so an. Vielleicht kann ich nach dem Abendessen noch einige Minuten bleiben. Vielleicht bin ich auch froh, dass es heute nicht so viele Menschen waren.

Ich muss sagen, solche Situationen sind nicht immer so ausgeprägt. Doch habe ich ihren schleichenden Werdegang bemerkt, beobachtet und nicht verhindern können. Ich konnte, oder wollte es lange nicht benennen. Aber anders als „Angst“ kann ich es nicht definieren. Manchmal ist es die Angst keinen Fluchtweg zu sehen. Links und rechts von mir zwei Menschen. Vor mir die Shopauslagen, hinter mir das zweite Zelt mit dem Shoplager. Wo soll ich hin? Und warum stehen alle so nahe bei mir? Mit größter Vorsicht schlängle ich mich an allem vorbei -und es geht mir gleich besser. Aber ich habe immer noch dieses komische Gefühl im Nacken. Und die Frage im Kopf -was wäre eigentlich passiert wenn mich einer der beiden angefasst hätte?

Eine Situation im Real: Das gleiche Spiel, doch diesmal fässt mich eine Frau an, die von hinten kam. Nur sachte um mich beiseite zu schieben und vorbei zu laufen. Ich schrak zurück, als hätte sie mich fest am Arm gepackt. Es war in dem Moment genauso absurd für mich, wie es das jetzt ist beim Schreiben und wie es wohl auch beim Lesen den Eindruck macht. Wie gesagt, das Camp hat mich genauso in den Wahnsinn getrieben, wie es mich faszinierte. Nur das Wissen, mein Dad hätte mich in 2 Stunden von dort abholen können, gab mir die Sicherheit wenigstens noch diesen einen Tag auszuhalten.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: